Mittwoch, 16. September 2015

Amerika, wir danken dir!

Amerika, hab Dank für deine weise und friedliche Politik der letzten Jahrzehnte, vor allem der letzten zehn bis fünfzehn Jahre und zwar insbesondere im Nahen Osten. 
Amerika, dank deiner vorausschauenden und von abgrundtiefster Kenntnis der Verhältnisse vor Ort gekennzeichneten Politik mit ihren mehr als friedenbringenden Militäreinsätzen brachen reihenweise Staaten -sicherlich mit zweifelhaften Herrschern- zusammen und Millionen Menschen wurden in die Flucht schlagen und strömen zuhauf nach Europa! 
Du, Amerika, bist ja weit weg von all dem Chaos und von der Zerstörung, die du beinahe überall auf der Welt anrichtest. Zwei große Meere, ja Ozeane trennen dich, du Glückliche, von all dem Leid dieser Welt. Was sollst du dich auch kümmern? Dein Hauptziel all deiner Politik, das billige Öl, hast du großartig erreicht. Das Öl fließt und allein das ist dir wichtig. 
Was schert dich auch Europa? Die dämlichen, kleingeistigen Nationalkrakeeler merken ja gar nicht, wie sie von dir vorgeführt und auseinanderdividiert werden! Du schwächst ganz nebenbei den alten Kontinent, der, stünde er zusammen, für dich ein Konkurrent sein könnte. Stattdessen schaffst du es auf das Leichteste, diese Europäer auch noch gegen Russland in Stellung zu bringen, in dem du deine Nato-Finger bis an die Grenzen von Russland ausstreckst. Was kümmert dich auch ein so zerstrittener Kontinent? "Fuck the EU", sagte doch eine deiner ach so gebildeten Diplomatinnen, daß man vor soviel unverhohlen undiplomatischer Ehrlichkeit, die das eigene Denken doch so glänzend widerspiegelt den Hut ziehen muss! 
Wir wissen also jetzt, oder könnten es wissen -wenn wir es denn wissen wollten-, was für ein "Spiel" gespielt wird. Nicht viel anders ist das Spiel als die Zeit vor dem 1. August 1914. All denken an ihren schnellen Vorteil, niemand überblickt das "Spielfeld" und keiner versetzt sich in die Denkweise und die Lage der Anderen, vor allem du nicht, Amerika! Denn du meinst ja, du seist unangreifbar. Aber wie sang schon ein deiner berühmtesten Söhne: "The times they are a changin..." 
Also wehe, wenn der Wind sich dreht! Und das kann gerade im Nahen Osten schneller geschehen als einem lieb sein kann. Dort rechnen viele damit, dass das dortige Pulverfass, an dem viele Lunten brennen, explodieren kann, denn es gibt zu viele Gegner und zu viele widerstreitende Interessen und zu viele Waffen in dieser Weltregion, als dass du, Amerika, sie in Schach halten könntest.
Also danken wir den Weisen von Washington, die uns eine solche friedenfördernde Politik bescheren! 
Es kommen "interessante" Zeiten auf uns zu. Meine Kinder tun mir leid.

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Dienstag, 14. Juli 2015

Was Merkel und Obama eint. 

Wie uns kenntnisreich ein früherer Vertreter der Reaganschen Voodoo-Politik, Paul Craig Roberts, erklärt, teilt Washington die Welt nicht nur wie unter Bush in Gute und Böse, bzw. "die Achse des Bösen", ein. Dort werden Länder und Nationen heute danach kategorisiert, ob sie "unabhängig" sind -also China, Russland u.a.- oder ob sie von Amerika in welcher Form auch immer abhängen. Die "Unabhängigen" werden als Problem und als künftiger Kriegsgegner gesehen. Nicht dass man in Washington unterstellt, die erstgenannten Länder würden auf einen Krieg mit den USA zusteuern, allein daß sie unabhängig sind und agieren, macht sie in Amerikas Augen zur Gefahr.

Teilt man also im Oval Office und sicher auch im Kongress die Welt in Vasallen und solche ein, die sich weigern, genausolche zu werden, so macht man in Berlin dieser Tage eine ganz ähnliche Politik.

Frau Merkel tritt auf dem alten Kontinent als gnadenlose Kanzlerin auf, die ihre verbohrte Ideologie der Austeritätspolitik auf Biegen und Brechen durchsetzen will, unterstützt von einem noch unnachgiebigeren Finanzminister, der in seiner Biestigkeit kaum noch zu übertreffen ist. Sie und andere in ihrer sich "christlich" nennenden Partei meinen damit die Erwartungen ihrer Wähler zu befriedigen, Stimmungen, die sie selber mit ihrer Politik und ihren Aussagen erst entfacht haben.

Obwohl ein jeder weiß und wissen kann, daß Griechenland niemals in der Lage war, ist und nie sein wird, seine im Verhältnis hohen Schulden zurückzuzahlen, die u.a. auch dazu dienten deutsche Exportüberschüsse zu finanzieren -etwas was man hierzulande nicht gerne hören möchte, da man sich auf seine Überschüsse so sehr viel eingebildet hat und noch immer einbildet-, wird also ein Kredit-"Paket" nach dem anderen geschnürt, um Griechenland zu "helfen". In Wirklichkeit aber dienen diese neuen Kredite nur dazu, die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands zu verschleiern und auf Biegen und Brechen den Gläubigern, sprich den Banken, die Rückzahlung ihrer Kredite an Griechenland zu sichern. Die Blase, die sich somit immer weiter aufbläht, muss um jeden Preis am Leben gehalten werden. Koste es, was es wolle.
Mit dieser Kreditverlängerungspolitik schieben die EU-Politiker den Banken ganz nebenbei neues Kreditgeschäft zu. Nur mal so am Rande.

Deutschland benutzt also -man hat ja keine Flugzeugträger wie der große Bruder überm Teich- seine wirtschaftlich-finanzielle Macht in Europa dazu, dem Rest des Kontinents seinen Willen in Sachen der Finanzen aufzuzwingen. So wie die USA im Großen die Welt in Abhängige und solche einteilen, die es wagen, unabhängig sein zu wollen, so tun es den Amerikanern die kleinen, ach so harmlosen Deutschen gleich. Man schafft tiefgreifende Abhängigkeiten und man tritt in dieser Koalition wie kleine Kolonialoffiziere der übelsten Sorte auf. So äußerte der CDU-Politiker Strobl, einer der stellv. Vorsitzenden der CDU und im Hauptberuf Schwiegersohn eines gewissen Herrn Schäuble, heute: "Der Grieche hat jetzt lange genug genervt!" Die entstandene Empörung ob dieses Tonfalls in Deutschland und Europa ist mehr als verständlich, zeigt diese Einlassung des Herrn Strobl doch sehr schön, welcher Geist in Deutschland vorherrscht und in Europa sicherlich bestens ankommt. Es ist der Geist aus längst untergegangenen Epochen, aus Zeiten von Wilhelm II., der sich ja auch so gerne als Ratgeber fremder Nationen aufspielte und sich noch lieber als persönlich herrschender Monarch sah, an dessen deutschem Wesen die Welt doch genesen könne. 
Genau wie vor so langer Zeit auch, hat man derzeit in Berlin nicht das geringste Gespür dafür, wie andere Nationen und deren Regierungen auf solches Auftreten reagieren und darüber in Wirklichkeit denken. 
Dieses armseilige Deutschland zerdeppert bei Weiterführung dieser Politik wiedermal jede Menge Porzellan, steht dann wieder eines Tages ganz allein und isoliert im weiten Weltenrund und versteht die Welt nicht mehr.
Das hatten wir schon. Danke Frau Merkel, 1914 wiederholt sich dank ihnen, weil man nämlich genau wie damals nicht in der Lage ist, den Standpunkt der Gegenseite zu erkennen und den eigenen Forderungen um beinahe jeden Preis zum Durchbruch verhelfen will.

---Ergänzung---
Obamas Amerika und Frau Merkels Deutschland sind sich also gleicher, als man auf den ersten Blick denken könnte. Beide arbeiten nach der Devise "divide et impera", nur der Maßstab ist ein anderer. Und beide verstehen nicht im geringsten, was sie da anrichten mit ihrer Selbstherrlichkeit und Geschichtsvergessenheit.
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Ceterum censeo Schuldenschnitt necesse est.

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Dienstag, 5. Mai 2015




Ist Wilhelm II. schuld gewesen?               - 1.TEIL -

Wilhelm II., der während seiner Herrschaft stets mit „Imperator – Rex“ unterschrieb, war im Jahr des Kriegsausbruchs 1914 bereits 26 Jahre Kaiser. Im Jahr zuvor hatte man ihm zum „silbernen“ Thronjubiläum noch reihenweise Denkmäler errichtet und Lobeshymnen gesungen, ganz im Sinne des deutschen Untertanengeistes. War er die treibende, gar alleinige Kraft, die den Beginn des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren forcierte, oder taumelte man „schlafwandelnd“ in den Abgrund?

  1. Beinahe-Totgeburt, schwierige Kindheit und gestörtes Verhältnis zur Mutter

Wilhelm II., mit vollem Namen Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen, wurde zunächst ohne Lebenszeichen am 27. Januar 1859 in Berlin, Unter den Linden, im heute noch stehenden Kronprinzenpalais geboren. Erst das beherzte Handtuchschlagen auf das Kind durch die Hebamme weckte die Lebensgeister in dem Neugeborenen. Die schwierige Geburt -als Steißlage- hatte zur Folge, daß das Kind und spätere Kaiser zeitlebens einen behinderten Arm hatte, der auch noch operativ z.B. durch Nerventrennung behandelt wurde. Seine Mutter, Victoria, war die Tochter der englischen Königin Victoria, daher auch die Namensgebung u.a. auch mit dem Namen des Großvaters und Ehemanns der englischen Königin Prinz Albert. Die Mutter war verheiratet mit dem späteren 99-Tage-Kaiser Friedrich III., der aufgrund starken Rauchens an Kehlkopfkrebs starb.
Seine Mutter hatte es als „Engländerin“ -so bezeichnete man sie am preußischen Hof- mit ihren Vorstellungen, Preußen nach englischen Vorbild umzugestalten, trotz gelegentlicher Unterstützung durch ihren Mann keinen Erfolg und war schnell isoliert. Für ihren Sohn hatte sie auch große -wohl zu große- Pläne als zukünftigen Thronerben, Wunschvorstellungen einer ehrgeizigen Mutter, die dem Sohn zeitlebens im Wege standen, da er hin un hergerissen war zwischen Englandhaß und dem Bemühen es genau diesem England gleichzutun und es zu übertreffen. Nach jahrelangem Hausunterricht -dessen Lehrer auch später noch Kontakt und Einfluss am Hofe und zu Wilhelm hatte- besuchte Wilhelm ein Gymnasium in Kassel und studierte in Bonn, inklusive Mitgliedschaft in einer Burschenschaft, allerdings dauert das Studium nur 4 Semester und blieb ohne Abschluss. Anschließend trat er ins Militär ein. Diese prägende Zeit verbrachte er überwiegend in Potsdam.

Exemplarisch läßt sich das Verhältnis Wilhelms zu seiner Mutter an diesem Vorfall illustrieren:
Als sein Vater nach kurzer Herrschaft im Juni 1888 seinem Krebsleiden erlag, ließ Wilhelm sofort den Wohnort seiner Mutter, das Schloss Charlottenburg -damals noch vor den Toren Berlins-, von Soldaten umstellen und abriegeln. Ziel dieser Aktion war es, zu verhindern, daß seine Mutter v.a. ihre Korrespondenz nach England bringen ließ.

  1. Der Weltenkampf als Idee im Jahre 1859

Wie in Monarchien auch heute noch üblich, wurde die Geburt des künftigen Thronfolgers am Hofe, in der Gesellschaft und in den Medien freudig begrüßt. Ein besonderes Highlight bildet dabei ein Artikel im Teltower Kreisblatt, einem zur halboffiziösen Amtspresse der preußischen Regierung gehörendem Mitteilungsblatt. In diesem kleinen Artikel ist erstaunlicher Weise schon im März 1859 von einem kommenden „Weltenkampf“ die Rede. Was damit gemeint ist, wird in dem Artikel nicht weiter ausgeführt. Betrachtet man aber die spätere Geschichte Deutschlands und Europas und ordnet diesen „Weltenkampf'“ dort ein, ergeben sich doch interessante Fragestellungen. Preußen war zwar in Deutschland die domininierende Macht, in Europa aber nur eine Mittelmacht, auch gerade im Vergleich z.B. mit England und Russland, ja auch im Vergleich mit Frankreich. War zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland schon ein politisches Denken verbreitet, daß für Preußen und damit auch für Deutschland einen „Platz an der Sonne“, wenn nötig auch gewalttätig umgesetzt, forderte, wie es Wilhelm später als Kaiser einmal formulieren sollte?


Zumindest das Denken Wilhelms II. und das seiner Zeit und seiner Zeitgenossen wurde ja auch von solchen Ideen des 1859 angesprochenen Weltenkampfes beherrscht, die darum kreisten, dem Deutschen Reich zur Weltgeltung zu verhelfen. Wie kommt es aber, daß bereits im Geburtsjahr des späteren Kaisers in diesem kleinen Teltower Blättchen von „Weltenkampf“ die Rede ist?

Zunächst gibt es ja die Beobachtung der menschlichen Natur und Kultur, die voller Gewalt und Aggression war und ist, so daß man mit Fug und Recht sagen kann, daß es in der menschlichen Natur liegt, gewalttätig und aggressiv zu sein. Zwar hat der Mensch die Wahl in seinem Handeln, aber oft genug entschied er sich und entscheidet sich noch heute für den Einsatz von Gewalt. Ob dies jedoch ausreicht, die preußisch-deutsche Geschichte zu erklären ist fraglich. Hinzukommen muss wohl noch eine Betrachtung des preußisch Staates und seines Charakters.

»Es ist nicht nötig, daß ich lebe, wohl aber, daß ich meine Pflicht tue«: Immerfort ist dieses Bekenntnis Friedrichs des Großen wiederholt und gerühmt und schon den Schulkindern gepredigt worden, als sei es ein Religionsersatz, die Sinnerfüllung preußisch-deutschen Wesens. Worte eines Königs, der in seiner Jugend gegen den eigenen Vater rebellierte, und von diesem -ja, man muss es so sagen- gebrochen wurde, als dieser Vater den besten Freund seines Sohnes exekutieren ließ.
Es fehlen, anders gesagt, in der von Preußen bestimmten politischen Kultur die besänftigenden, zivilisierenden Gegenelemente; oft genug sind sie sogar als »weichlich« und »weibisch« abgetan und verachtet worden, später auch als „welsch“ oder westlich bezeichnet. Keine Salonkultur hat sich durchsetzen können -auch wenn es durchaus Ansätze dafür gab, die aber spätestens im Wilheminismus untergehen mussten-, wie in Frankreich, die Frauen von Grazie und Geist in den Mittelpunkt rückt; es gibt die großen Zarinnen oder Königinnen nicht, die ihr Zeitalter bestimmen, schon gar nicht eine Maria Theresia, die als österreichische Landesmutter all ihre männlichen Vorgänger und Nachfolger überstrahlte.






Preußen erscheint als ein betont männlicher und soldatischer Staat, gegründet auf den Willen zur Leistung und auf eine prägende Pflichterfüllung, das Glück des einzelnen Menschen, gar Bürgers, zählte da doch kaum. Diese einseitige Formung unserer politischen Kultur, gerade weil sie einst unausgesprochen allgegenwärtig war, dürfte schwerer wiegen als vieles, wovon gemeinhin die Geschichtsbücher erzählen. Man muss genau sein und Pflichterfüllung von der Gewalt unterscheiden; im einen Falle geht es um Disziplinierung – und nicht zu vergessen: ums Recht –; im anderen Falle geht es um den Ausbruch zu Willkür und Chaos. Zu Lebzeiten Friedrichs des Großen, 1776, proklamiert die amerikanische Unabhängigkeits-erklärung »Leben, Freiheit und das Streben nach Glück « als unveräußerliche Grundrechte. Seither sollen Regierungen daran gemessen werden, was sie im Dienst dieser Grundrechte tun oder versäumen. Man kan sich den Gegensatz zum preußischen Pflichtprinzip kaum schärfer denken.

Vor bald 2 Jahrhunderten hat Alexis de Tocqueville in seinem großen Werk »Über die Demokratie in Amerika« geschrieben: 
»Die Lehre vom wohlverstandenen Interesse steht nicht besonders hoch, aber sie ist klar und sicher. Sie erstrebt keine großen Ziele; aber ohne große Mühe erreicht sie alle diejenigen, auf die sie gerichtet ist. Da sie für jeden verständlich ist, begreift und behält jeder sie mühelos. Da sie den menschlichen Schwächen wunderbar angepaßt ist, gewinnt sie leicht überall einen beherrschenden Einfl uß, und es fällt ihr nicht schwer, diesen zu bewahren, denn sie kehrt den Eigennutz gegen ihn selbst und bedient sich zur Lenkung der Leidenschaften seines spornenden Stachels. – Die Lehre vom wohlverstandenen Interesse löst keine großen Opfertaten aus, regt aber täglich zu kleinen Opfern an; für sich allein vermag sie den Menschen nicht zur Tugend zu führen; sie formt aber eine Vielzahl Bürger, die ordentlich, mäßig, ausgeglichen, vorsorgend, selbstbeherrscht sind; und lenkt sie auch nicht unmittelbar durch den . Willen zur Tugend, so führt sie doch durch Gewöhnung nahe an sie heran.«
Tocqueville erklärte dabei, die Lehre vom wohlverstandenen Intersse passe vor allem zum demokratischen Zeitalter und daß sie daher in den Vereinigten Staaten weit stärker zur Herrschaft gelangt sei als in Europa, wo weithin noch die Fürsten regierten. Tatsächlich wird in der Demokratie jeder, der ein leitendes Staatsamt übernimmt, auf das wohlverstandene Interesse eingeschworen, wenn es in der Eidesformel heißt, daß er »den Nutzen des Volkes mehren« und »Schaden von ihm wenden« solle, sei es mit Gottes Hilfe oder ohne sie. Aber was, wenn nicht ihr wohlverstandenes Interesse, war einst der Kompaß für Könige und Kaiser? Wie ist Machiavellis »Principe« zu lesen, wenn nicht als das einschlägige Lehrbuch? Tocqueville selbst betont, daß es sich nicht um etwas Neues handle, und zitiert Montaigne: »Wenn ich dem geraden Weg nicht um seiner Geradheit willen folge, so werde ich ihm folgen, weil ich erfahren habe, daß er gemeinhin schließlich der glücklichste und der nützlichste ist.«
Einen Kernbestand des europäischen Geiestes bildete das vernünftig interessenbestimmte Denken und Handeln, wie er seit Beginn der Neuzeit sich entfaltete. Dies gilt nicht nur in der Politik, für die Theorie und Praxis der Staatsraison, sondern auch oder erst recht in der Wirtschaft . Weil sie das Interesse zum Ausgangspunkt nahmen, sind Adam Smith und David Ricardo zu Klassikern der modernen Wirtschaftslehre geworden, so wie Machiavelli, Thomas Hobbes und John Locke zu politischen Klassikern. Übrigens hat kaum einer der Macht des vernunftbestimmten Interesses so sehr vertraut wie Karl Marx. Diese Macht oder List der Vernunft läßt zunächst die Bourgeoisie und den Kapitalismus triumphieren; dem Proletariat aber gehört die Zukunft , weil es das Interesse der wenigen in das der vielen verwandelt und es dann zum allgemein menschlichen erhebt. Aber auch die, die Marx gefolgt sind in der politischen Praxis, haben sich zur Herrschern über andere aufgeschwungen, und ihre Herrschaft mit Hauen und Stechen verteidigt. So wurde auch dort der Weg der Vernunft für die reine Machterhaltung verlassen.

Im Jahre 1835 schrieb Tocqueville: »Wenn ich den Zustand betrachte, den mehrere europäische Nationen bereits erreicht haben und dem alle anderen zustreben, so bin ich geneigt zu glauben, daß es unter ihnen nur noch Raum geben wird für die demokratische Freiheit oder für die Tyrannei der Cäsaren.« Das erwies sich je länger desto mehr als wahr; das ist und bleibt die Alternative.

Warum aber kam aber die Tyrannei der Cäsaren in Deutschland in Form der Hitlerdiktatur wieder an die Macht? Waren die alten Gewohnheiten und Gewißheiten stärker, war der unterwürfige Untertanengeist und die Herrschsucht im kleinen und im großen Leben der Antrieb dafür? Steckte das Gedankengut vom „Weltenkampf“ aus dem Teltower Zeitungsartikel noch so sehr in den Knochnen und in der Seele? Wenn man denn bei einer Gesamtheit von Menschen -Volk- von Seele sprechen kann. Ja, das kann man. Da gab und gibt es gemeinsame Denktraditionen und Ansichten, Loyalitäten und Kontinuitäten in großer Zahl.

Wilhelm II. erlebte die prägende Zeit seiner Jugend beim Potsdamer Militär und am dortigen Hof, der wiederum von seinem Großvater und der diesen umgebenden Kamarilla aus Adjudanten, Ratgebern, Minister, Pastoren etc. bestimmt war.

-- wird vorgesetzt --

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Samstag, 2. Mai 2015

Im letzten August war ja mal wieder großes Gedenken angesagt. 100 Jahre war der Beginn des 1. Weltkrieges her. Wobei der Krieg ja nicht so einfach und irgendwie "begann" wie ein Naturereignis, sondern von allen Beteiligten, mit Hauptrollen in Wien, Berlin und Petersburg begonnen wurde, also sehenden Auges buchstäblich "vom Zaune gebrochen wurde".  

Großes Tratra und Tamtam allerorten. Worte, die uns mahnen sollten wurden gesprochen, von Leuten, die sich für wichtig hielten und halten. 

Von einer der ersten, nicht allerersten Untat, die von deutscher Seite begangen wurde, wohlgemerkt im Weltkrieg Numero 1, soll der folgende Text berichten.

 
Vor 100 Jahren war's, quasi gestern erst


Am 28. August 1914 endete die Zerstörung der Stadt Löwen in Belgien, vor allem aber die Vernichtung der Bibliothek der Universität Löwen mit ihren unersetzlichen Schätzen an u.a. mittelalterlichen Handschriften. Deutsche Truppen waren zu Beginn des 1. Weltkrieges unter Bruch der international verbürgten Neutralität Belgiens in dieses Land einmarschiert. Von deutscher Seite wurde damals die Bedrohung durch belgische Freischärler als Begründung für das überaus harte Vorgehen deutscher Truppenteile angeführt. Die Zerstörungen in Löwen lösten einen internationalen Proteststurm aus, auf den 93 deutsche Intellektuelle mit einer gemeinsamen Erklärung reagierten.

Löwen, eine alte Stadt in Belgien und seine Universitäts-Bibliothek, wurden eines der ersten „prominenten“ Opfer der Kriegsstrategie des wilhelminischen Kaiserreichs. Dem Schlieffenplan folgend waren deutsche Truppen zwei Tage nach der Besetzung Luxemburgs in Form von fünf deutsche Armeen am 4. August 1914 in Belgien einmarschiert. Ihr Angriff konzentrierte sich zunächst auf Lüttich, von dessen schneller Eroberung der weitere Vormarsch des rechten deutschen Flügels und damit die erfolgreiche Umsetzung des Schlieffen-Plans abhingen. Die Hoffnung auf eine schnelle Einnahme der Festung zerschlug sich aufgrund des heftigen belgischen Widerstands südlich von Lüttich. Die folgende Belagerung der Festungsanlage band mehr deutsche Einheiten und dauerte länger, als von der Obersten Heeresleitung (OHL) vorgesehen war. Die Eroberung gelang erst am 7. August 1914 unter Führung von Erich Ludendorff, als große Teile der belgischen Armee dem deutschen Druck wichen und sich nach Antwerpen zurückzogen.
Seit dem Einmarsch in Belgien, dessen Angliederung an das Deutsche Reich eine immer wieder gestellte Kernforderung der deutschen Kriegsziele war, leistete die Bevölkerung den Besatzungstruppen einen unerwartet heftigen Widerstand. Der Widerstand wurde durch die deutsche Militärverwaltung und die Besatzungstruppen brutal unterdrückt.
Am 19. August 1914 marschierten deutsche Truppen in Löwen ein, aus der alle Soldaten der belgischen Armee am Morgen abgezogen waren. Die belgischen Zivil- und Militärbehörden hatten die Zivilbevölkerung zuvor ausdrücklich davor gewarnt, gegen die Deutschen zu protestieren oder auf die Invasoren zu schießen. Zivilisten mussten ihre Waffen abgeben. Nach der Besetzung der Stadt warnten die Deutschen die Bevölkerung: Wer mit einer Waffe angetroffen werde, müsse mit seiner sofortigen Erschießung rechnen. Die Deutschen sorgten durch tägliche Geiselnahmen dafür, dass die Bewohner der Stadt sich ruhig verhielten. In der Zeit vom 19. bis zum 22. August diente Löwen als Hauptquartier der 1. Armee. Immer weitere deutsche Truppenkontingente wurden herangeführt, so dass sich schließlich rund 15.000 deutsche Soldaten in Löwen befanden.
Abends am 25. August 1914 ertönten Alarmsirenen, wenig später waren in der Stadt Schüsse zu hören. In der Folge entwickelten sich in der ganzen Stadt Schusswechsel. Deutsche Soldaten drangen in die Häuser ein, töteten Zivilisten und steckten Gebäude in Brand. Diese Gräueltaten dauerten einige Tage an, bis am 29. August die Bevölkerung gezwungen wurde, Löwen zu verlassen und die ganze Stadt in Brand gesteckt wurde. Der Stadtkern Löwens wurde größtenteils zerstört.
Die zerstörte Universitäts-Bibliothek in Löwen
1081 Häuser wurden vollständig zerstört, und 248 Zivilisten starben in den Flammen oder wurden erschossen. Weitere 1500 Bürger, darunter Frauen und Kinder, wurden in einem Lager bei Munster bis 1915 interniert. Beschädigt wurde auch die bekannte Kirche Sint Pieter. Die Universitätsbibliothek hielten die Deutschen für den Sitz der katholischen Universität und damit für ein Zentrum des Widerstandes. Das Gebäude wurde in der Nacht vom 25. auf den 26. August niedergebrannt. Dabei gingen 1000 mittelalterliche Handschriften, 800 Inkunabeln und 300.000 Bücher verloren. Nur das gotische Rathaus von Löwen blieb verschont, es wurde als Hauptquartier und Unterkunft für deutsche Offiziere genutzt.
Die Angst vor Franktireuren gilt als eine wichtige Ursache für die massiven Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung. Bereits in den ersten Kriegswochen hatten diese Ängste zu Panikreaktionen geführt, sobald deutsche Truppen – für sie überraschend – unter Beschuss, häufig unter Eigenbeschuss (sic!), gerieten. Auf vermeintliche Freischärlerangriffe reagierten die deutschen Truppen auch vor Löwen bereits jeweils mit massiven Vergeltungsmaßnahmen.
Mittlerweile ist seit Jahrzehngen unumstritten, dass Freischärler-Aktivitäten die Zerstörung Löwens gerade nicht auslösten. Als wesentlich wichtiger gelten die Ängste hinsichtlich der Franktireurs und die Sorgen, die durch einen angeblich unmittelbar bevorstehenden belgischen Gegenangriff auf die deutsche Flanke nahe Löwen ausgelöst wurden. Hier zeigten sich schon die ersten Hinweise auf die äußerst angespannten Nerven gerade auf deutscher Seite, was sich ja z.B. auch im September 1914 offenbarte, als der Chef des deutschen Generalstabs, der „jüngere Moltke“, einen Nervenzusammenbruch erlitt und abgelöst und ersetzt werden musste, da ihm und anderen Offizieren bereits zu diesem Zeitpunkt klar war, daß der Schlieffenplan nicht funktionierte, und damit die gesamte deutsche Kriegsplanung für den 1. Weltkrieg gescheitert war.

Reaktionen im Ausland und im Kaiserreich

Die Zerstörung Löwens und die massenhafte Erschießung von Zivilisten gelten als eines der schlimmsten deutschen Kriegsverbrechen des Ersten Weltkriegs. Auch wenn beim Massaker von Dinant mehr Menschen getötet wurden, löste der Fall Löwen als „Kulturgreuel“ im Ausland ein großes Echo aus. In Großbritannien sprach die Presse gar vom „Holocaust of Louvain“
Auch in Staaten, die nicht im Krieg mit Deutschland waren, führte die Zerstörung Löwens dazu, dass sich die öffentliche Meinung gegen Deutschland wandte. Darauf reagierten in Deutschland Intellektuelle mit dem Manifest der 93, in dem sie vergeblich die Vorkommnisse rechtfertigen wollten. Unterzeichner dieses Manifestes waren u.a. Paul Ehrlich, Max Planck, Gerhart Hauptmann, Wilhelm Röntgen, Fritz Haber u.a. Die Autoren dieses Manifestes bestritten jegliche Schuld Deutschlands an den Vorkommnissen und wiesen auch jegliche Schuld Deutschlands am Kriegausbruch zurück. Selbst die Verletzung der belgischen Neutralität wurde bestritten und Belgien eine Zustimmung zum deutschen Einmarsch angedichtet. Das Vorgehen der deutschen Truppen wurde mit Notwehr begründet und der Bruch des Völkerrechts von den Verfassern verneint.

Im Friedensvertrag von Versailles (Artikel 247) wurde Deutschland verpflichtet, die vernichteten Bestände der Bibliothek zu ersetzen. Dem ist Deutschland in der Folge auch nachgekommen. Allerdings hielt man mehrheitlich in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg weiterhin an der These eines Überfalls von Freischärlern fest.


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