Dienstag, 5. Mai 2015




Ist Wilhelm II. schuld gewesen?               - 1.TEIL -

Wilhelm II., der während seiner Herrschaft stets mit „Imperator – Rex“ unterschrieb, war im Jahr des Kriegsausbruchs 1914 bereits 26 Jahre Kaiser. Im Jahr zuvor hatte man ihm zum „silbernen“ Thronjubiläum noch reihenweise Denkmäler errichtet und Lobeshymnen gesungen, ganz im Sinne des deutschen Untertanengeistes. War er die treibende, gar alleinige Kraft, die den Beginn des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren forcierte, oder taumelte man „schlafwandelnd“ in den Abgrund?

  1. Beinahe-Totgeburt, schwierige Kindheit und gestörtes Verhältnis zur Mutter

Wilhelm II., mit vollem Namen Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen, wurde zunächst ohne Lebenszeichen am 27. Januar 1859 in Berlin, Unter den Linden, im heute noch stehenden Kronprinzenpalais geboren. Erst das beherzte Handtuchschlagen auf das Kind durch die Hebamme weckte die Lebensgeister in dem Neugeborenen. Die schwierige Geburt -als Steißlage- hatte zur Folge, daß das Kind und spätere Kaiser zeitlebens einen behinderten Arm hatte, der auch noch operativ z.B. durch Nerventrennung behandelt wurde. Seine Mutter, Victoria, war die Tochter der englischen Königin Victoria, daher auch die Namensgebung u.a. auch mit dem Namen des Großvaters und Ehemanns der englischen Königin Prinz Albert. Die Mutter war verheiratet mit dem späteren 99-Tage-Kaiser Friedrich III., der aufgrund starken Rauchens an Kehlkopfkrebs starb.
Seine Mutter hatte es als „Engländerin“ -so bezeichnete man sie am preußischen Hof- mit ihren Vorstellungen, Preußen nach englischen Vorbild umzugestalten, trotz gelegentlicher Unterstützung durch ihren Mann keinen Erfolg und war schnell isoliert. Für ihren Sohn hatte sie auch große -wohl zu große- Pläne als zukünftigen Thronerben, Wunschvorstellungen einer ehrgeizigen Mutter, die dem Sohn zeitlebens im Wege standen, da er hin un hergerissen war zwischen Englandhaß und dem Bemühen es genau diesem England gleichzutun und es zu übertreffen. Nach jahrelangem Hausunterricht -dessen Lehrer auch später noch Kontakt und Einfluss am Hofe und zu Wilhelm hatte- besuchte Wilhelm ein Gymnasium in Kassel und studierte in Bonn, inklusive Mitgliedschaft in einer Burschenschaft, allerdings dauert das Studium nur 4 Semester und blieb ohne Abschluss. Anschließend trat er ins Militär ein. Diese prägende Zeit verbrachte er überwiegend in Potsdam.

Exemplarisch läßt sich das Verhältnis Wilhelms zu seiner Mutter an diesem Vorfall illustrieren:
Als sein Vater nach kurzer Herrschaft im Juni 1888 seinem Krebsleiden erlag, ließ Wilhelm sofort den Wohnort seiner Mutter, das Schloss Charlottenburg -damals noch vor den Toren Berlins-, von Soldaten umstellen und abriegeln. Ziel dieser Aktion war es, zu verhindern, daß seine Mutter v.a. ihre Korrespondenz nach England bringen ließ.

  1. Der Weltenkampf als Idee im Jahre 1859

Wie in Monarchien auch heute noch üblich, wurde die Geburt des künftigen Thronfolgers am Hofe, in der Gesellschaft und in den Medien freudig begrüßt. Ein besonderes Highlight bildet dabei ein Artikel im Teltower Kreisblatt, einem zur halboffiziösen Amtspresse der preußischen Regierung gehörendem Mitteilungsblatt. In diesem kleinen Artikel ist erstaunlicher Weise schon im März 1859 von einem kommenden „Weltenkampf“ die Rede. Was damit gemeint ist, wird in dem Artikel nicht weiter ausgeführt. Betrachtet man aber die spätere Geschichte Deutschlands und Europas und ordnet diesen „Weltenkampf'“ dort ein, ergeben sich doch interessante Fragestellungen. Preußen war zwar in Deutschland die domininierende Macht, in Europa aber nur eine Mittelmacht, auch gerade im Vergleich z.B. mit England und Russland, ja auch im Vergleich mit Frankreich. War zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland schon ein politisches Denken verbreitet, daß für Preußen und damit auch für Deutschland einen „Platz an der Sonne“, wenn nötig auch gewalttätig umgesetzt, forderte, wie es Wilhelm später als Kaiser einmal formulieren sollte?


Zumindest das Denken Wilhelms II. und das seiner Zeit und seiner Zeitgenossen wurde ja auch von solchen Ideen des 1859 angesprochenen Weltenkampfes beherrscht, die darum kreisten, dem Deutschen Reich zur Weltgeltung zu verhelfen. Wie kommt es aber, daß bereits im Geburtsjahr des späteren Kaisers in diesem kleinen Teltower Blättchen von „Weltenkampf“ die Rede ist?

Zunächst gibt es ja die Beobachtung der menschlichen Natur und Kultur, die voller Gewalt und Aggression war und ist, so daß man mit Fug und Recht sagen kann, daß es in der menschlichen Natur liegt, gewalttätig und aggressiv zu sein. Zwar hat der Mensch die Wahl in seinem Handeln, aber oft genug entschied er sich und entscheidet sich noch heute für den Einsatz von Gewalt. Ob dies jedoch ausreicht, die preußisch-deutsche Geschichte zu erklären ist fraglich. Hinzukommen muss wohl noch eine Betrachtung des preußisch Staates und seines Charakters.

»Es ist nicht nötig, daß ich lebe, wohl aber, daß ich meine Pflicht tue«: Immerfort ist dieses Bekenntnis Friedrichs des Großen wiederholt und gerühmt und schon den Schulkindern gepredigt worden, als sei es ein Religionsersatz, die Sinnerfüllung preußisch-deutschen Wesens. Worte eines Königs, der in seiner Jugend gegen den eigenen Vater rebellierte, und von diesem -ja, man muss es so sagen- gebrochen wurde, als dieser Vater den besten Freund seines Sohnes exekutieren ließ.
Es fehlen, anders gesagt, in der von Preußen bestimmten politischen Kultur die besänftigenden, zivilisierenden Gegenelemente; oft genug sind sie sogar als »weichlich« und »weibisch« abgetan und verachtet worden, später auch als „welsch“ oder westlich bezeichnet. Keine Salonkultur hat sich durchsetzen können -auch wenn es durchaus Ansätze dafür gab, die aber spätestens im Wilheminismus untergehen mussten-, wie in Frankreich, die Frauen von Grazie und Geist in den Mittelpunkt rückt; es gibt die großen Zarinnen oder Königinnen nicht, die ihr Zeitalter bestimmen, schon gar nicht eine Maria Theresia, die als österreichische Landesmutter all ihre männlichen Vorgänger und Nachfolger überstrahlte.






Preußen erscheint als ein betont männlicher und soldatischer Staat, gegründet auf den Willen zur Leistung und auf eine prägende Pflichterfüllung, das Glück des einzelnen Menschen, gar Bürgers, zählte da doch kaum. Diese einseitige Formung unserer politischen Kultur, gerade weil sie einst unausgesprochen allgegenwärtig war, dürfte schwerer wiegen als vieles, wovon gemeinhin die Geschichtsbücher erzählen. Man muss genau sein und Pflichterfüllung von der Gewalt unterscheiden; im einen Falle geht es um Disziplinierung – und nicht zu vergessen: ums Recht –; im anderen Falle geht es um den Ausbruch zu Willkür und Chaos. Zu Lebzeiten Friedrichs des Großen, 1776, proklamiert die amerikanische Unabhängigkeits-erklärung »Leben, Freiheit und das Streben nach Glück « als unveräußerliche Grundrechte. Seither sollen Regierungen daran gemessen werden, was sie im Dienst dieser Grundrechte tun oder versäumen. Man kan sich den Gegensatz zum preußischen Pflichtprinzip kaum schärfer denken.

Vor bald 2 Jahrhunderten hat Alexis de Tocqueville in seinem großen Werk »Über die Demokratie in Amerika« geschrieben: 
»Die Lehre vom wohlverstandenen Interesse steht nicht besonders hoch, aber sie ist klar und sicher. Sie erstrebt keine großen Ziele; aber ohne große Mühe erreicht sie alle diejenigen, auf die sie gerichtet ist. Da sie für jeden verständlich ist, begreift und behält jeder sie mühelos. Da sie den menschlichen Schwächen wunderbar angepaßt ist, gewinnt sie leicht überall einen beherrschenden Einfl uß, und es fällt ihr nicht schwer, diesen zu bewahren, denn sie kehrt den Eigennutz gegen ihn selbst und bedient sich zur Lenkung der Leidenschaften seines spornenden Stachels. – Die Lehre vom wohlverstandenen Interesse löst keine großen Opfertaten aus, regt aber täglich zu kleinen Opfern an; für sich allein vermag sie den Menschen nicht zur Tugend zu führen; sie formt aber eine Vielzahl Bürger, die ordentlich, mäßig, ausgeglichen, vorsorgend, selbstbeherrscht sind; und lenkt sie auch nicht unmittelbar durch den . Willen zur Tugend, so führt sie doch durch Gewöhnung nahe an sie heran.«
Tocqueville erklärte dabei, die Lehre vom wohlverstandenen Intersse passe vor allem zum demokratischen Zeitalter und daß sie daher in den Vereinigten Staaten weit stärker zur Herrschaft gelangt sei als in Europa, wo weithin noch die Fürsten regierten. Tatsächlich wird in der Demokratie jeder, der ein leitendes Staatsamt übernimmt, auf das wohlverstandene Interesse eingeschworen, wenn es in der Eidesformel heißt, daß er »den Nutzen des Volkes mehren« und »Schaden von ihm wenden« solle, sei es mit Gottes Hilfe oder ohne sie. Aber was, wenn nicht ihr wohlverstandenes Interesse, war einst der Kompaß für Könige und Kaiser? Wie ist Machiavellis »Principe« zu lesen, wenn nicht als das einschlägige Lehrbuch? Tocqueville selbst betont, daß es sich nicht um etwas Neues handle, und zitiert Montaigne: »Wenn ich dem geraden Weg nicht um seiner Geradheit willen folge, so werde ich ihm folgen, weil ich erfahren habe, daß er gemeinhin schließlich der glücklichste und der nützlichste ist.«
Einen Kernbestand des europäischen Geiestes bildete das vernünftig interessenbestimmte Denken und Handeln, wie er seit Beginn der Neuzeit sich entfaltete. Dies gilt nicht nur in der Politik, für die Theorie und Praxis der Staatsraison, sondern auch oder erst recht in der Wirtschaft . Weil sie das Interesse zum Ausgangspunkt nahmen, sind Adam Smith und David Ricardo zu Klassikern der modernen Wirtschaftslehre geworden, so wie Machiavelli, Thomas Hobbes und John Locke zu politischen Klassikern. Übrigens hat kaum einer der Macht des vernunftbestimmten Interesses so sehr vertraut wie Karl Marx. Diese Macht oder List der Vernunft läßt zunächst die Bourgeoisie und den Kapitalismus triumphieren; dem Proletariat aber gehört die Zukunft , weil es das Interesse der wenigen in das der vielen verwandelt und es dann zum allgemein menschlichen erhebt. Aber auch die, die Marx gefolgt sind in der politischen Praxis, haben sich zur Herrschern über andere aufgeschwungen, und ihre Herrschaft mit Hauen und Stechen verteidigt. So wurde auch dort der Weg der Vernunft für die reine Machterhaltung verlassen.

Im Jahre 1835 schrieb Tocqueville: »Wenn ich den Zustand betrachte, den mehrere europäische Nationen bereits erreicht haben und dem alle anderen zustreben, so bin ich geneigt zu glauben, daß es unter ihnen nur noch Raum geben wird für die demokratische Freiheit oder für die Tyrannei der Cäsaren.« Das erwies sich je länger desto mehr als wahr; das ist und bleibt die Alternative.

Warum aber kam aber die Tyrannei der Cäsaren in Deutschland in Form der Hitlerdiktatur wieder an die Macht? Waren die alten Gewohnheiten und Gewißheiten stärker, war der unterwürfige Untertanengeist und die Herrschsucht im kleinen und im großen Leben der Antrieb dafür? Steckte das Gedankengut vom „Weltenkampf“ aus dem Teltower Zeitungsartikel noch so sehr in den Knochnen und in der Seele? Wenn man denn bei einer Gesamtheit von Menschen -Volk- von Seele sprechen kann. Ja, das kann man. Da gab und gibt es gemeinsame Denktraditionen und Ansichten, Loyalitäten und Kontinuitäten in großer Zahl.

Wilhelm II. erlebte die prägende Zeit seiner Jugend beim Potsdamer Militär und am dortigen Hof, der wiederum von seinem Großvater und der diesen umgebenden Kamarilla aus Adjudanten, Ratgebern, Minister, Pastoren etc. bestimmt war.

-- wird vorgesetzt --

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