Im letzten August war ja mal wieder großes Gedenken angesagt. 100 Jahre war der Beginn des 1. Weltkrieges her. Wobei der Krieg ja nicht so einfach und irgendwie "begann" wie ein Naturereignis, sondern von allen Beteiligten, mit Hauptrollen in Wien, Berlin und Petersburg begonnen wurde, also sehenden Auges buchstäblich "vom Zaune gebrochen wurde".
Großes Tratra und Tamtam allerorten. Worte, die uns mahnen sollten wurden gesprochen, von Leuten, die sich für wichtig hielten und halten.
Von einer der ersten, nicht allerersten Untat, die von deutscher Seite begangen wurde, wohlgemerkt im Weltkrieg Numero 1, soll der folgende Text berichten.
Vor 100 Jahren
war's, quasi gestern erst
Am
28. August 1914 endete die Zerstörung der Stadt Löwen in Belgien,
vor allem aber die Vernichtung der Bibliothek der Universität Löwen
mit ihren unersetzlichen Schätzen an u.a. mittelalterlichen
Handschriften. Deutsche Truppen waren zu Beginn des 1. Weltkrieges
unter Bruch der international verbürgten Neutralität Belgiens in
dieses Land einmarschiert. Von deutscher Seite wurde damals die
Bedrohung durch belgische Freischärler als Begründung für das
überaus harte Vorgehen deutscher Truppenteile angeführt. Die
Zerstörungen in Löwen lösten einen internationalen Proteststurm
aus, auf den 93 deutsche Intellektuelle mit einer gemeinsamen
Erklärung reagierten.
Löwen,
eine alte Stadt in Belgien und seine Universitäts-Bibliothek, wurden
eines der ersten „prominenten“ Opfer der Kriegsstrategie des
wilhelminischen Kaiserreichs. Dem Schlieffenplan folgend waren
deutsche Truppen zwei Tage
nach der Besetzung Luxemburgs in Form von fünf deutsche Armeen am 4.
August 1914 in Belgien einmarschiert. Ihr Angriff konzentrierte sich
zunächst auf Lüttich, von dessen schneller Eroberung der weitere
Vormarsch des rechten deutschen Flügels und damit die erfolgreiche
Umsetzung des Schlieffen-Plans
abhingen. Die Hoffnung auf eine schnelle Einnahme der Festung
zerschlug sich aufgrund des heftigen belgischen Widerstands südlich
von Lüttich. Die folgende Belagerung der Festungsanlage band mehr
deutsche Einheiten und dauerte länger, als von der Obersten
Heeresleitung (OHL) vorgesehen war. Die Eroberung gelang erst am 7.
August 1914 unter Führung von Erich
Ludendorff,
als große Teile der belgischen Armee dem deutschen Druck wichen und
sich nach Antwerpen zurückzogen.
Seit
dem Einmarsch in Belgien, dessen Angliederung an das Deutsche Reich
eine immer wieder gestellte Kernforderung der deutschen Kriegsziele
war, leistete die Bevölkerung den Besatzungstruppen einen unerwartet
heftigen Widerstand. Der Widerstand wurde durch die deutsche
Militärverwaltung und die Besatzungstruppen brutal unterdrückt.
Am
19. August 1914 marschierten deutsche Truppen in Löwen
ein, aus der alle Soldaten der belgischen Armee am Morgen abgezogen
waren. Die belgischen Zivil- und Militärbehörden hatten die
Zivilbevölkerung zuvor ausdrücklich davor gewarnt, gegen die
Deutschen zu protestieren oder auf die Invasoren zu schießen.
Zivilisten mussten ihre Waffen abgeben. Nach der Besetzung der
Stadt warnten die Deutschen die Bevölkerung: Wer mit einer Waffe
angetroffen werde, müsse mit seiner sofortigen Erschießung rechnen.
Die Deutschen sorgten durch tägliche Geiselnahmen dafür, dass die
Bewohner der Stadt sich ruhig verhielten. In der Zeit vom 19. bis zum
22. August diente Löwen als Hauptquartier der 1. Armee. Immer
weitere deutsche Truppenkontingente wurden herangeführt, so dass
sich schließlich rund 15.000 deutsche Soldaten in Löwen befanden.
Abends
am 25. August 1914 ertönten Alarmsirenen, wenig später waren in der
Stadt Schüsse zu hören. In der Folge entwickelten sich in der
ganzen Stadt Schusswechsel. Deutsche Soldaten drangen in die Häuser
ein, töteten Zivilisten und steckten Gebäude in Brand. Diese
Gräueltaten dauerten einige Tage an, bis am 29. August die
Bevölkerung gezwungen wurde, Löwen zu verlassen und die ganze
Stadt in Brand gesteckt wurde. Der Stadtkern Löwens wurde
größtenteils zerstört.
Die zerstörte
Universitäts-Bibliothek in Löwen
1081
Häuser wurden vollständig zerstört, und 248 Zivilisten starben in
den Flammen oder wurden erschossen. Weitere 1500 Bürger, darunter
Frauen und Kinder, wurden in einem Lager bei Munster bis 1915
interniert. Beschädigt wurde auch die bekannte Kirche Sint Pieter.
Die Universitätsbibliothek hielten die Deutschen für den Sitz der
katholischen Universität und damit für ein Zentrum des
Widerstandes. Das Gebäude wurde in der Nacht vom 25. auf den 26.
August niedergebrannt. Dabei gingen 1000 mittelalterliche
Handschriften, 800 Inkunabeln und 300.000 Bücher verloren. Nur das
gotische Rathaus von Löwen blieb verschont, es wurde als
Hauptquartier und Unterkunft für deutsche Offiziere genutzt.
Die
Angst
vor Franktireuren
gilt als eine wichtige Ursache für die massiven Ausschreitungen
gegen die Zivilbevölkerung. Bereits in den ersten Kriegswochen
hatten diese Ängste zu Panikreaktionen geführt, sobald deutsche
Truppen – für sie überraschend – unter Beschuss, häufig unter
Eigenbeschuss (sic!), gerieten. Auf vermeintliche
Freischärlerangriffe reagierten die deutschen Truppen auch vor Löwen
bereits jeweils mit massiven Vergeltungsmaßnahmen.
Mittlerweile ist seit Jahrzehngen
unumstritten, dass Freischärler-Aktivitäten die Zerstörung Löwens
gerade nicht auslösten. Als wesentlich wichtiger gelten die Ängste
hinsichtlich der Franktireurs
und die Sorgen, die durch einen angeblich unmittelbar bevorstehenden
belgischen Gegenangriff auf die deutsche Flanke nahe Löwen ausgelöst
wurden. Hier zeigten sich schon die ersten Hinweise auf die äußerst
angespannten Nerven gerade auf deutscher Seite, was sich ja z.B. auch
im September 1914 offenbarte, als der Chef des deutschen
Generalstabs, der „jüngere Moltke“, einen Nervenzusammenbruch
erlitt und abgelöst und ersetzt werden musste, da ihm und anderen
Offizieren bereits zu diesem Zeitpunkt klar war, daß der
Schlieffenplan nicht funktionierte, und damit die gesamte deutsche
Kriegsplanung für den 1. Weltkrieg gescheitert war.
Reaktionen
im Ausland und im Kaiserreich
Die
Zerstörung Löwens und die massenhafte Erschießung von Zivilisten
gelten als eines der schlimmsten deutschen Kriegsverbrechen des
Ersten Weltkriegs. Auch wenn beim Massaker
von Dinant
mehr Menschen getötet wurden, löste der Fall Löwen als
„Kulturgreuel“ im Ausland ein großes Echo aus. In Großbritannien
sprach die Presse gar vom „Holocaust of Louvain“
Auch
in Staaten, die nicht im Krieg mit Deutschland waren, führte die
Zerstörung Löwens dazu, dass sich die öffentliche Meinung gegen
Deutschland wandte. Darauf reagierten in Deutschland Intellektuelle
mit dem Manifest
der 93,
in dem sie vergeblich die Vorkommnisse rechtfertigen wollten.
Unterzeichner dieses Manifestes waren u.a. Paul Ehrlich, Max Planck,
Gerhart Hauptmann, Wilhelm Röntgen, Fritz Haber u.a. Die
Autoren dieses Manifestes bestritten jegliche Schuld Deutschlands an
den Vorkommnissen und wiesen auch jegliche Schuld Deutschlands am
Kriegausbruch zurück. Selbst die Verletzung der belgischen
Neutralität wurde bestritten und Belgien eine Zustimmung zum
deutschen Einmarsch angedichtet. Das Vorgehen der deutschen Truppen
wurde mit Notwehr begründet und der Bruch des Völkerrechts von den
Verfassern verneint.
Im Friedensvertrag von Versailles (Artikel 247) wurde Deutschland
verpflichtet, die vernichteten Bestände der Bibliothek zu ersetzen.
Dem ist Deutschland in der Folge auch nachgekommen. Allerdings hielt
man mehrheitlich in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg weiterhin an
der These eines Überfalls von Freischärlern fest.
Labels: 1, 1914, Belgien, Löwen, Ludendorff, Manifest der 93, Schlieffenplan, Weltkrieg

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