Samstag, 2. Mai 2015

Im letzten August war ja mal wieder großes Gedenken angesagt. 100 Jahre war der Beginn des 1. Weltkrieges her. Wobei der Krieg ja nicht so einfach und irgendwie "begann" wie ein Naturereignis, sondern von allen Beteiligten, mit Hauptrollen in Wien, Berlin und Petersburg begonnen wurde, also sehenden Auges buchstäblich "vom Zaune gebrochen wurde".  

Großes Tratra und Tamtam allerorten. Worte, die uns mahnen sollten wurden gesprochen, von Leuten, die sich für wichtig hielten und halten. 

Von einer der ersten, nicht allerersten Untat, die von deutscher Seite begangen wurde, wohlgemerkt im Weltkrieg Numero 1, soll der folgende Text berichten.

 
Vor 100 Jahren war's, quasi gestern erst


Am 28. August 1914 endete die Zerstörung der Stadt Löwen in Belgien, vor allem aber die Vernichtung der Bibliothek der Universität Löwen mit ihren unersetzlichen Schätzen an u.a. mittelalterlichen Handschriften. Deutsche Truppen waren zu Beginn des 1. Weltkrieges unter Bruch der international verbürgten Neutralität Belgiens in dieses Land einmarschiert. Von deutscher Seite wurde damals die Bedrohung durch belgische Freischärler als Begründung für das überaus harte Vorgehen deutscher Truppenteile angeführt. Die Zerstörungen in Löwen lösten einen internationalen Proteststurm aus, auf den 93 deutsche Intellektuelle mit einer gemeinsamen Erklärung reagierten.

Löwen, eine alte Stadt in Belgien und seine Universitäts-Bibliothek, wurden eines der ersten „prominenten“ Opfer der Kriegsstrategie des wilhelminischen Kaiserreichs. Dem Schlieffenplan folgend waren deutsche Truppen zwei Tage nach der Besetzung Luxemburgs in Form von fünf deutsche Armeen am 4. August 1914 in Belgien einmarschiert. Ihr Angriff konzentrierte sich zunächst auf Lüttich, von dessen schneller Eroberung der weitere Vormarsch des rechten deutschen Flügels und damit die erfolgreiche Umsetzung des Schlieffen-Plans abhingen. Die Hoffnung auf eine schnelle Einnahme der Festung zerschlug sich aufgrund des heftigen belgischen Widerstands südlich von Lüttich. Die folgende Belagerung der Festungsanlage band mehr deutsche Einheiten und dauerte länger, als von der Obersten Heeresleitung (OHL) vorgesehen war. Die Eroberung gelang erst am 7. August 1914 unter Führung von Erich Ludendorff, als große Teile der belgischen Armee dem deutschen Druck wichen und sich nach Antwerpen zurückzogen.
Seit dem Einmarsch in Belgien, dessen Angliederung an das Deutsche Reich eine immer wieder gestellte Kernforderung der deutschen Kriegsziele war, leistete die Bevölkerung den Besatzungstruppen einen unerwartet heftigen Widerstand. Der Widerstand wurde durch die deutsche Militärverwaltung und die Besatzungstruppen brutal unterdrückt.
Am 19. August 1914 marschierten deutsche Truppen in Löwen ein, aus der alle Soldaten der belgischen Armee am Morgen abgezogen waren. Die belgischen Zivil- und Militärbehörden hatten die Zivilbevölkerung zuvor ausdrücklich davor gewarnt, gegen die Deutschen zu protestieren oder auf die Invasoren zu schießen. Zivilisten mussten ihre Waffen abgeben. Nach der Besetzung der Stadt warnten die Deutschen die Bevölkerung: Wer mit einer Waffe angetroffen werde, müsse mit seiner sofortigen Erschießung rechnen. Die Deutschen sorgten durch tägliche Geiselnahmen dafür, dass die Bewohner der Stadt sich ruhig verhielten. In der Zeit vom 19. bis zum 22. August diente Löwen als Hauptquartier der 1. Armee. Immer weitere deutsche Truppenkontingente wurden herangeführt, so dass sich schließlich rund 15.000 deutsche Soldaten in Löwen befanden.
Abends am 25. August 1914 ertönten Alarmsirenen, wenig später waren in der Stadt Schüsse zu hören. In der Folge entwickelten sich in der ganzen Stadt Schusswechsel. Deutsche Soldaten drangen in die Häuser ein, töteten Zivilisten und steckten Gebäude in Brand. Diese Gräueltaten dauerten einige Tage an, bis am 29. August die Bevölkerung gezwungen wurde, Löwen zu verlassen und die ganze Stadt in Brand gesteckt wurde. Der Stadtkern Löwens wurde größtenteils zerstört.
Die zerstörte Universitäts-Bibliothek in Löwen
1081 Häuser wurden vollständig zerstört, und 248 Zivilisten starben in den Flammen oder wurden erschossen. Weitere 1500 Bürger, darunter Frauen und Kinder, wurden in einem Lager bei Munster bis 1915 interniert. Beschädigt wurde auch die bekannte Kirche Sint Pieter. Die Universitätsbibliothek hielten die Deutschen für den Sitz der katholischen Universität und damit für ein Zentrum des Widerstandes. Das Gebäude wurde in der Nacht vom 25. auf den 26. August niedergebrannt. Dabei gingen 1000 mittelalterliche Handschriften, 800 Inkunabeln und 300.000 Bücher verloren. Nur das gotische Rathaus von Löwen blieb verschont, es wurde als Hauptquartier und Unterkunft für deutsche Offiziere genutzt.
Die Angst vor Franktireuren gilt als eine wichtige Ursache für die massiven Ausschreitungen gegen die Zivilbevölkerung. Bereits in den ersten Kriegswochen hatten diese Ängste zu Panikreaktionen geführt, sobald deutsche Truppen – für sie überraschend – unter Beschuss, häufig unter Eigenbeschuss (sic!), gerieten. Auf vermeintliche Freischärlerangriffe reagierten die deutschen Truppen auch vor Löwen bereits jeweils mit massiven Vergeltungsmaßnahmen.
Mittlerweile ist seit Jahrzehngen unumstritten, dass Freischärler-Aktivitäten die Zerstörung Löwens gerade nicht auslösten. Als wesentlich wichtiger gelten die Ängste hinsichtlich der Franktireurs und die Sorgen, die durch einen angeblich unmittelbar bevorstehenden belgischen Gegenangriff auf die deutsche Flanke nahe Löwen ausgelöst wurden. Hier zeigten sich schon die ersten Hinweise auf die äußerst angespannten Nerven gerade auf deutscher Seite, was sich ja z.B. auch im September 1914 offenbarte, als der Chef des deutschen Generalstabs, der „jüngere Moltke“, einen Nervenzusammenbruch erlitt und abgelöst und ersetzt werden musste, da ihm und anderen Offizieren bereits zu diesem Zeitpunkt klar war, daß der Schlieffenplan nicht funktionierte, und damit die gesamte deutsche Kriegsplanung für den 1. Weltkrieg gescheitert war.

Reaktionen im Ausland und im Kaiserreich

Die Zerstörung Löwens und die massenhafte Erschießung von Zivilisten gelten als eines der schlimmsten deutschen Kriegsverbrechen des Ersten Weltkriegs. Auch wenn beim Massaker von Dinant mehr Menschen getötet wurden, löste der Fall Löwen als „Kulturgreuel“ im Ausland ein großes Echo aus. In Großbritannien sprach die Presse gar vom „Holocaust of Louvain“
Auch in Staaten, die nicht im Krieg mit Deutschland waren, führte die Zerstörung Löwens dazu, dass sich die öffentliche Meinung gegen Deutschland wandte. Darauf reagierten in Deutschland Intellektuelle mit dem Manifest der 93, in dem sie vergeblich die Vorkommnisse rechtfertigen wollten. Unterzeichner dieses Manifestes waren u.a. Paul Ehrlich, Max Planck, Gerhart Hauptmann, Wilhelm Röntgen, Fritz Haber u.a. Die Autoren dieses Manifestes bestritten jegliche Schuld Deutschlands an den Vorkommnissen und wiesen auch jegliche Schuld Deutschlands am Kriegausbruch zurück. Selbst die Verletzung der belgischen Neutralität wurde bestritten und Belgien eine Zustimmung zum deutschen Einmarsch angedichtet. Das Vorgehen der deutschen Truppen wurde mit Notwehr begründet und der Bruch des Völkerrechts von den Verfassern verneint.

Im Friedensvertrag von Versailles (Artikel 247) wurde Deutschland verpflichtet, die vernichteten Bestände der Bibliothek zu ersetzen. Dem ist Deutschland in der Folge auch nachgekommen. Allerdings hielt man mehrheitlich in Deutschland nach dem 1. Weltkrieg weiterhin an der These eines Überfalls von Freischärlern fest.


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